Postpartale Inkontinenz behandeln

Die Geburt eines Kindes ist ein einschneidendes Erlebnis – körperlich wie emotional. Während sich alle auf das Baby freuen, werden die Folgen für den weiblichen Körper oft unterschätzt. Eine dieser Folgen ist die postpartale Inkontinenz, also der unwillkürliche Urinverlust nach der Geburt. Wenn beim Lachen, Husten oder Niesen ein paar Tropfen Urin abgehen, fühlen sich viele frisch gebackene Mütter unsicher und fragen sich, ob das normal ist. Die Antwort lautet: Es ist häufig, aber nicht normal im Sinne von „muss man akzeptieren“. Etwa jede dritte Frau leidet in den ersten Monaten nach der Geburt unter Inkontinenz. Die gute Nachricht ist: In den allermeisten Fällen ist postpartale Inkontinenz behandelbar und bildet sich mit der richtigen Therapie vollständig zurück.

Warum entsteht Inkontinenz nach der Geburt?

Schwangerschaft und Geburt sind eine enorme Belastung für den Beckenboden. Diese Muskelplatte trägt normalerweise die Beckenorgane und verschließt Blase und Darm. Während der Schwangerschaft lastet das zunehmende Gewicht des Kindes über Monate auf dem Beckenboden. Gleichzeitig sorgen Hormone dafür, dass das Gewebe weicher und dehnbarer wird – eine wichtige Vorbereitung auf die Geburt, die aber den Beckenboden zusätzlich belastet.

Die eigentliche Geburt ist dann der größte Kraftakt für den Beckenboden. Bei einer vaginalen Geburt wird die Muskulatur extrem gedehnt, um dem Baby den Weg freizumachen. Diese massive Dehnung kann zu Muskelfaserrissen führen, das Bindegewebe überdehnen und manchmal auch Nerven schädigen.

Risikofaktoren für postpartale Inkontinenz

Nicht jede Frau entwickelt nach der Geburt Inkontinenz. Bestimmte Faktoren erhöhen jedoch das Risiko:

  • Lange Geburtsdauer, besonders eine lange Austreibungsphase
  • Hohes Geburtsgewicht des Kindes (über 4000 Gramm)
  • Einsatz von Geburtszange oder Saugglocke
  • Dammriss oder Dammschnitt
  • Mehrere aufeinanderfolgende Geburten ohne ausreichende Erholung
  • Bereits bestehende Beckenbodenschwäche vor der Schwangerschaft

Auch Frauen, die per Kaiserschnitt entbunden haben, können postpartale Inkontinenz entwickeln. Zwar bleibt ihnen die Dehnung bei der Geburt erspart, aber die monatelange Belastung während der Schwangerschaft hat bereits ihre Spuren hinterlassen.

Wann sollte man mit der Behandlung beginnen?

Viele Frauen denken, sie müssten nach der Geburt einfach abwarten, bis sich der Körper von selbst erholt. Tatsächlich bildet sich eine leichte Inkontinenz in den ersten Wochen oft zurück. Doch wenn nach drei Monaten noch immer Symptome bestehen, ist es Zeit zu handeln.

Wichtig ist: Je früher man mit gezielter Rückbildung und Beckenbodentraining beginnt, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Wird das Problem ignoriert, kann es sich mit den Jahren verschlimmern und chronisch werden.

Die ersten Wochen nach der Geburt

In den ersten sechs Wochen nach der Geburt, dem sogenannten Wochenbett, sollte sich der Körper erholen dürfen. Schweres Heben, intensiver Sport und anstrengende Tätigkeiten sind tabu. Der Beckenboden braucht Zeit zur Regeneration.

Nach etwa sechs bis acht Wochen ist der richtige Zeitpunkt für einen Rückbildungskurs gekommen. Diese Kurse werden von Hebammen oder Physiotherapeutinnen angeboten und konzentrieren sich auf die Stärkung des Beckenbodens. Die Teilnahme wird von den Krankenkassen übernommen und ist für alle Frauen nach der Geburt wichtig.

Behandlungsmöglichkeiten bei postpartaler Inkontinenz

Wenn die Inkontinenz nach den ersten Monaten nicht von selbst verschwindet oder wenn sie stark ausgeprägt ist, gibt es verschiedene wirksame Behandlungsmöglichkeiten.

Gezieltes Beckenbodentraining

Die Basis jeder Behandlung ist gezieltes Beckenbodentraining. Wichtig ist dabei die richtige Anleitung durch eine spezialisierte Physiotherapeutin. Viele Frauen können ihren Beckenboden nicht richtig wahrnehmen und wissen nicht, welche Muskeln sie anspannen sollen.

Das Training sollte regelmäßig durchgeführt werden, am besten täglich. Die Übungen lassen sich gut in den Alltag mit Baby integrieren – beim Stillen, beim Wickeln oder während das Kind schläft. Erste Erfolge zeigen sich meist nach einigen Wochen, die volle Wirkung entfaltet sich über mehrere Monate.

Moderne Therapiemethoden

Für Frauen, die wenig Zeit haben oder Schwierigkeiten mit dem klassischen Training haben, gibt es moderne Alternativen. Der Emsella Stuhl bietet eine besonders unkomplizierte Lösung. Man sitzt vollständig bekleidet auf einem speziellen Stuhl, der durch elektromagnetische Wellen die Beckenbodenmuskulatur stimuliert. In 28 Minuten werden etwa 11.000 Muskelkontraktionen ausgelöst – deutlich mehr, als beim klassischen Training möglich wäre.

Diese Methode ist besonders für junge Mütter geeignet, die zwischen Babybetreuung, Haushalt und möglicherweise Beruf kaum Zeit für aufwendiges Training finden. Ein Behandlungszyklus umfasst typischerweise sechs Sitzungen über drei Wochen. Die Praxis Dr. Dorigoni in München bietet diese Therapieform an und hat gute Erfahrungen mit Frauen nach der Geburt gemacht.

Biofeedback und Elektrostimulation

Biofeedback-Geräte helfen dabei, den Beckenboden besser wahrzunehmen. Eine kleine Sonde misst die Muskelaktivität und meldet sie zurück. So lernt man, die richtigen Muskeln anzuspannen, und kann den Trainingsfortschritt verfolgen.

Elektrostimulationsgeräte senden elektrische Impulse, die die Beckenbodenmuskulatur passiv zum Zusammenziehen bringen. Diese Methode kann das aktive Training sinnvoll ergänzen.

Der richtige Zeitpunkt für verschiedene Maßnahmen

Die Behandlung postpartaler Inkontinenz sollte schrittweise erfolgen und den Heilungsprozess des Körpers respektieren.

0 bis 6 Wochen nach der Geburt:

  • Schonung und Erholung
  • Sanfte Wahrnehmungsübungen für den Beckenboden
  • Keine schweren Lasten heben

6 bis 12 Wochen nach der Geburt:

  • Beginn des Rückbildungskurses
  • Gezieltes Beckenbodentraining unter Anleitung
  • Langsamer Wiedereinstieg in leichte sportliche Aktivitäten

Ab 3 Monaten nach der Geburt:

  • Intensivierung des Trainings
  • Bei anhaltenden Symptomen: Physiotherapie oder moderne Therapiemethoden
  • Eventuell Biofeedback-Training

Ab 6 Monaten nach der Geburt:

  • Wenn Inkontinenz weiterhin besteht: umfassende Diagnostik
  • Eventuell zusätzliche Therapien wie Emsella Stuhl

Prävention und Langzeitschutz

Wer einmal postpartale Inkontinenz hatte, trägt ein höheres Risiko, bei weiteren Schwangerschaften wieder Probleme zu bekommen. Deshalb ist es wichtig, den Beckenboden auch nach erfolgreicher Behandlung weiter zu trainieren und zu pflegen.

Zwischen zwei Schwangerschaften sollte ausreichend Zeit liegen, damit sich der Beckenboden vollständig erholen kann. Experten empfehlen mindestens 18 bis 24 Monate Abstand. Auch Gewichtskontrolle, das Vermeiden von chronischer Verstopfung und richtiges Heben schwerer Lasten schonen den Beckenboden langfristig.

Keine falsche Scham

Viele junge Mütter schämen sich für ihre Inkontinenz und sprechen nicht darüber – nicht mit dem Partner, nicht mit Freundinnen, nicht mit dem Arzt. Dabei ist das Problem so häufig, dass fast jede Frau im Bekanntenkreis ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Offenheit hilft, sich gegenseitig zu unterstützen und Tipps auszutauschen.

Professionelle Hilfe zu suchen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstfürsorge. Spezialisierte Ärzte und Therapeuten sind mit postpartaler Inkontinenz bestens vertraut und können individuell beraten. Mit der richtigen Behandlung können die allermeisten Frauen ihre Inkontinenz vollständig überwinden und wieder unbeschwert lachen, husten und Sport treiben.