Kurzsichtigkeit ist längst keine Seltenheit mehr – im Gegenteil. Weltweit nimmt die Zahl der Menschen mit Myopie rasant zu, und Wissenschaftler sprechen bereits von einer globalen Epidemie. In Deutschland ist schätzungsweise jeder dritte Erwachsene kurzsichtig, bei jungen Erwachsenen ist die Rate noch deutlich höher. Was viele nicht wissen: Myopie ist nicht nur eine lästige Fehlsichtigkeit, die sich mit Brille oder Kontaktlinsen korrigieren lässt. Bei starker Ausprägung ist sie auch ein ernst zu nehmender Risikofaktor für schwere Augenerkrankungen. Umso wichtiger ist es, die Ursachen zu verstehen und Kurzsichtigkeit früh zu erkennen – vor allem bei Kindern.
Was ist Myopie und wie entsteht sie?
Myopie, auf Deutsch Kurzsichtigkeit, entsteht, wenn das Auge zu lang ist oder die Hornhaut zu stark gekrümmt ist. Beides führt dazu, dass einfallende Lichtstrahlen nicht auf der Netzhaut, sondern davor gebündelt werden. Das Ergebnis: Objekte in der Ferne erscheinen verschwommen, während die Nahsicht in der Regel gut funktioniert. Daher kommt der Begriff „kurzsichtig“ – man sieht gut aus der Nähe, aber schlecht in die Ferne.
Das Auge wächst normalerweise bis ins frühe Erwachsenenalter. Bei Myopie wächst der Augapfel jedoch zu stark in die Länge – ein Prozess, der durch verschiedene Faktoren beeinflusst wird und, wenn er einmal eingesetzt hat, sich oft schwer aufhalten lässt. Je stärker die Kurzsichtigkeit, desto länger ist der Augapfel – und desto größer ist die Belastung auf Netzhaut, Aderhaut und anderen Strukturen im Inneren des Auges.
Welche Ursachen hat Myopie?
Die Entstehung der Kurzsichtigkeit ist multifaktoriell – das bedeutet, es spielen mehrere Ursachen zusammen, genetische ebenso wie umweltbedingte.
Genetische Veranlagung
Wer Eltern mit Kurzsichtigkeit hat, trägt selbst ein deutlich höheres Risiko, ebenfalls kurzsichtig zu werden. Haben beide Elternteile eine Myopie, steigt das Risiko für das Kind auf bis zu 60 Prozent. Die genetische Komponente erklärt jedoch nicht allein den weltweiten Anstieg der Kurzsichtigkeit – dafür ist die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten zu rasant verlaufen. Genetische Veränderungen brauchen Generationen, nicht Jahrzehnte. Das weist klar darauf hin, dass Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle spielen.
Zu wenig Zeit im Freien
Einer der am besten belegten Schutzfaktoren gegen Myopie ist Zeit im Freien. Tageslicht – selbst an bewölkten Tagen – ist deutlich intensiver als Kunstlicht und stimuliert die Netzhaut auf eine Weise, die das Augenwachstum reguliert. Dopamin, das dabei im Auge ausgeschüttet wird, hemmt das übermäßige Längenwachstum des Augapfels. Kinder, die täglich mindestens zwei Stunden im Freien verbringen, entwickeln seltener eine Myopie als Kinder, die hauptsächlich drinnen sind. Dieser Zusammenhang ist in zahlreichen Studien belegt und gilt heute als einer der wichtigsten umweltbedingten Faktoren.
Intensive Naharbeit
Lesen, Schreiben, Bildschirmarbeit – all das sind Tätigkeiten, bei denen das Auge dauerhaft auf kurze Distanz fokussiert. Ob intensive Naharbeit allein Myopie verursacht, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Klar ist jedoch, dass sie das Risiko erhöht, wenn gleichzeitig zu wenig Zeit im Freien verbracht wird. Die Kombination aus wenig Tageslicht und viel Naharbeit – ein typisches Muster bei schulpflichtigen Kindern – gilt als wesentlicher Treiber der weltweiten Myopie-Epidemie.
Warum ist Früherkennung so wichtig?
Eine moderate Kurzsichtigkeit lässt sich gut mit Brillen oder Kontaktlinsen korrigieren und schränkt die Lebensqualität kaum ein. Anders sieht es bei hoher Myopie aus – also ab etwa minus sechs Dioptrien. Hier steigt das Risiko für schwerwiegende Augenerkrankungen deutlich an:
- Netzhautablösung: Der gedehnte Augapfel macht die Netzhaut anfälliger für Risse und Ablösungen, die unbehandelt zur Erblindung führen können
- Glaukom: Hohe Myopie ist ein unabhängiger Risikofaktor für die Entstehung des Grünen Stars
- Makuladegeneration: Die Dehnung des Augapfels kann die Makula, den Bereich des schärfsten Sehens, schädigen
- Grauer Star: Auch das Risiko für Katarakt ist bei starker Kurzsichtigkeit erhöht
Diese Risiken machen deutlich, warum es so wichtig ist, Kurzsichtigkeit früh zu erkennen und ihr Fortschreiten zu verlangsamen – besonders bei Kindern, deren Augen noch wachsen.
Wie erkennt man Myopie frühzeitig?
Kinder sind oft nicht in der Lage, ihre Sehprobleme klar zu benennen. Sie wissen nicht, dass es anders sein könnte – für sie ist das verschwommene Bild in der Ferne normal. Deshalb sind regelmäßige Augenuntersuchungen so wichtig, auch wenn keine offensichtlichen Beschwerden vorliegen.
Warnzeichen bei Kindern
Folgende Verhaltensweisen können auf eine Kurzsichtigkeit hinweisen und sollten Anlass für eine Augenuntersuchung sein:
- Häufiges Zusammenkneifen der Augen beim Betrachten entfernter Objekte
- Schwierigkeiten beim Lesen der Tafel in der Schule
- Kopfschmerzen nach längeren Sehleistungen in der Ferne
- Ungewöhnlich näheres Heranrücken an Bildschirme oder Bücher
- Klagen über verschwommenes Sehen oder häufiges Blinzeln
Sehtests und Vorsorgeuntersuchungen
Regelmäßige Sehtests sind der wichtigste Baustein der Früherkennung. Kinder sollten idealerweise vor der Einschulung und danach in regelmäßigen Abständen untersucht werden. Augenärzte können bereits bei Kleinkindern eine Myopie feststellen und den Verlauf engmaschig beobachten. Auch im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt werden die Augen geprüft – wer Auffälligkeiten bemerkt, sollte zeitnah eine spezialisierte Untersuchung veranlassen.
Für Familien in München, die sich Sorgen um das Sehvermögen ihres Kindes machen oder selbst erste Anzeichen einer Verschlechterung bemerken, ist ein erfahrener Allgemeinarzt oft der erste sinnvolle Schritt. Er kann eine erste Einschätzung geben, bei Bedarf an den Augenarzt überweisen und langfristig begleiten – denn beim Thema Myopie zählt vor allem eines: frühzeitig handeln.